Am 1. Juni traf sich die Klimaspuren-Gruppe in Laax mit Vertretern der Weissen Arena Gruppe, am 3. Juni fand an der FH Gründen eine Podiumsdiskussion mit Tourismus- und Umweltvertreter*innen statt. Die Grundfrage lautete: Wie schaffen wir einen klimafreundlichen Tourismus?

Von Ralph Feiner

In Laax kündigte Reto Gurtner, CEO der Weissen Arena Gruppe an, dass seine Destination bis 2030 klimaneutral werden will. Als wichtigste Bereiche nannte der Nachhaltigkeitsbeauftragte Reto Fry die Bergbahnen, die eigenen Hotels und den Fahrzeugpark, v.a. die Pistenfahrzeuge. Die gesamte Nachhaltigkeits- und Klimastrategie der Weissen Arena Gruppe läuft unter dem Label “Green Style”. Reto Gurtner beziehe seine Inspiration nicht zuletzt aus der Fridays-for-future-Bewegung, wie er erklärte. Und als besonders wichtig bezeichnete er die Bildung, die ins Zentrum unserer Bemühungen stellen müssten.

Prof. Christian Baumgartner erinnerte als Koreferent daran, dass die Weisse Arena Gruppe mit ihren Zielen einen grossen Bereich vollkommen vernachlässige, nämlich den Anreiseverkehr. Der allergrösste Teil der Gäste reise ja mit dem eigenen Auto an und nur ein ganz kleiner Teil mit dem öffentlichen Verkehr. Reto Gurtner anerkennt dieses Problem. Er sieht aber wenig Möglichkeiten, das Mobilitätsverhalten der Einzelnen zu beeinflussen. Christian Baumgartner weist darauf hin, dass immerhin in der Kommunikation der Weissen Arena noch Möglichkeiten bestünden, dem öffentlichen Verkehr einen höheren Stellenwert einzuräumen.

Diskussion in Laax mit Reto Gurtner, Reto Fry und Christian Baumgartner. Moderation: Dominik Siegrist

In der Podiumsdiskussion zwei Tage später an der FH Graubünden in Chur verlief die Diskussion kontroverser als in Laax. In seiner Einführung stellte Georg Klingler von Greenpeace dar, wie dramatisch die Klimasituation bereits sei: Die Polkappen schmelzten dramatisch ab, der Golfstrom beginne sich zu verändern, weltweit brennten die Wälder und der Permafrost in der sibirischen Tundra schmelze dahin. In der Schweiz liege die Erwärmung bereits heute bei plus zwei Grad, fast doppelt so viel wie der globale Durchschnitt. Und weltweit warne die Wissenschaft vor den unabsehbaren Folgen, wenn wir nichts gegen den fortschreitenden Klimawandel unternehmen würden. Klingler verglich die Situation der Warner aus der Wissenschaft mit jenem Arzt aus Bergamo zu Beginn der Pandemie, dessen Warnrufe ungehört verhallten. Kurze Zeit später sei die Katastrophe da gewesen, aber da war es zu spät. In Bezug auf die heutige Diskussion über die Mobilität im Tourismus ortet Klingler das Problem v.a. beim Flugverkehr. Wenn wir das Klima retten wollten, müssten wir in der industrialisierten Welt so weit als möglich auf das Fliegen verzichten; Flugreisen und Klimaschutz seien eigentlich nicht miteinander vereinbar.

Moderator Christian Baumgartner stellte den Podiumsteilnehmenden die Frage, wie ernst es ihrer Meinung nach mit dem Klima in der Schweiz steht.

Nicht gut, sagt Jon Pult, SP-Nationalrat und Präsident der Alpen-Initiative. Die gefährlichste Entwicklung sieht er in der Tendenz, dass sich Fatalismus breitmache und wir zu glauben begännen, dass wir in der kleinen Schweiz sowieso nichts gegen die Klimakatastrophe machen könnten. Dem Pessimismus des Verstandes stellte er das kollektive Engagement der Gesellschaft, den “Optimismus des Willens” (nach Antonio Gramsci) entgegen.

Auch aus Sicht von Agrena Schuler vom Klimastreik Graubünden geht es dem Klima in der Schweiz gar nicht gut. Sie betont, dass die Schweiz genauso verantwortlich sei für das Klima wie alle anderen Länder der Erde auch. Nur auf das individuelle Verantwortungsgefühl der Menschen zu setzen, werde nicht zum Ziel führen. Es brauche die Politik, welche Veränderungen anstossen müsse. Schuler fragt: Wenn wir das ohne die Politik schaffen würden, wozu bräuchte es dann die Politik?

Für den Bündner Baudirektor und Regierungspräsidenten Mario Cavigelli steht es um das Klima in Graubünden nicht schlechter als anderswo in der Schweiz. Aber als Gebirgskanton sei die Situation in Graubünden schon angespannt, v.a. was die Probleme im Zusammenhang mit den zunehmenden Naturgefahren betreffe. Als Mitzuständiger für den Bau und den Unterhalt der Infrastrukturen sei das für ihn bereits heute bemerkbar. Beim Klimaschutz sieht Cavigelli Klima und Energie als Geschwisterpaar, das nicht voneinander getrennt werden könne. Wichtige Stichworte seien Heizen, Strom, Treibstoffe. Zu Fragen des Klimas bestünde in der Politik heute eine andere Grundstimmung als noch vor fünf Jahren. Cavigelli zeigt sich optimistisch, dass wir das Klimaproblem gemeinsam als Gesellschaft lösen werden.

Til Berger, stellvertretender Sektionschef Nachhaltige Entwicklung beim Bundesamt für Raumentwicklung ARE, vertritt die Klimaziele des Bundes. Es sei wichtig, das 1,5-Grad-Ziel anzustreben, weil wir sonst Probleme kriegten, die kaum mehr zu lösen seien. Für ihn ist es eine Frage der globalen Solidarität, dass sich jedes Land auf den CO2-Absenkpfad begebe, auch die Schweiz. So könne gerade ein Land wie die Schweiz der Welt aufzeigen, dass die dringend nötigen Veränderungen möglich seien, zum Beispiel im Energiesystem und im Ernährungssystem.

Jürg Schmid, Präsident von Graubünden Ferien, sieht den Tourismus als Mitverursacher wie als Betroffener des Klimawandels. In der Schweiz bekomme der Tourismus die Folgen des Klimawandels besonders stark zu spüren mit der sinkenden Schneesicherheit, den kürzeren Saisons und der abnehmenden Rentabilität. Zwar würde der Sommer für die Touristinnen und Touristen attraktiver. Schmid hält es jedoch für fatal, einfach auf einen solchen Kompensationseffekt zu setzen. Er sieht den Tourismus als Spiegel des gesellschaftlichen Verhaltens. Immer kürzere Aufenthaltsdauer, immer mehr Flüge, der Tourismus habe sich verirrt und da brauche es nun Lösungen und Taten.

Moderator Christian Baumgartner lenkt das Gespräch auf die Mobilität, der im Zusammenhang mit einem klimafreundlichen Tourismus ein zentraler Stellenwert zukommt. Passiert da genug?, fragt er das Podium.

Mario Cavigelli erwähnt, dass das Bündner Regierungsprogramm keine speziellen Klimaziele für den Tourismus vorsehe. Er befürchtet, dass bei allzu weitreichenden Klimaforderungen das Volk nicht mehr mitmacht; die Politik müsse darauf achten, auf dem Pfad in Richtung Netto Null möglichst nicht allzu oft zu scheitern. Es sei wichtig, dass wir immer wieder versuchen, die Bevölkerung zu informieren und zu überzeugen. Die grösste Chance sieht er darin, die Low Hanging Fruits zu ernten, also so rasch als möglich jene Massnahmen anzugehen, die einfach zu realisieren sind.

Um den benötigten steilen Absenkpfad bei den Treibhausgasen zu schaffen, reicht es laut Til Berger nicht, lediglich auf E-Mobilität und Wärmepumpen setzen. Vielmehr brauche es Veränderungen in unserem Lebensstil, gerade in den Bereichen Ernährung und Landwirtschaft. Nur mit Freiwilligkeit der Bevölkerung sei dies allerdings nicht zu erreichen, da müsse die Politik die richtigen Leitplanken setzen.

Jürg Schmid erinnert daran, dass es den einen Tourismus nicht gebe und dieser keine Holdinggesellschaft darstelle, welche einfach alles dirigieren könne. Gefordert seien die Gemeinden, die Tourismusbetriebe; jede und jeder müsse seinen Beitrag leisten. Selbstverständlich dürfe dabei der Anreiseverkehr nicht ausgeklammert werden. Gleichzeitig warnt Schmid vor scheinbar einfachen Lösungsansätzen und erwähnt das Dilemma mit dem Fliegen. Tourismus ohne Flugverkehr würde neue Probleme mit sich bringen, Arbeitslosigkeit in der weltweiten Tourismusbranche, zunehmende Armut in vielen Ländern, die heute vom Tourismus lebten. In der Schweiz sollten wir uns tatsächlich fragen, ob die verstärkte Bearbeitung der Fernmärkte der richtige Weg sei.

Jon Pult findet, dass die Schweiz eine Chance verpasst habe, als es in der Coronakrise um die Rettung der Swiss ging. Hier hätte der Bund bei der finanziellen Unterstützung unbedingt klimapolitische Auflagen in Richtung einer klimafreundlicheren Luftfahrt vorgeben müssen, doch entsprechende Anträge hätten im Parlament keine Mehrheit gegeben. Um die Klimaziele zu erreichen gebe es keinen anderen Weg, als die Erdölbranche hinunter zu fahren; das sei eine grosse Herausforderung, da sich die Erdöllobby mit allen Mitteln gegen den Ausstieg aus den fossilen Brenn- und Treibstoffen zur Wehr setze. Das könne man aktuell im Abstimmungskampf ums CO2-Gesetz gut beobachten.

Jürg Schmid knüpft an Pult an und vertritt die Meinung, dass jede Förderung touristischer Aktivitäten mit den Zielen der Nachhaltigkeit verknüpft werden müsse. Es dürfe nicht sein, dass ein Flug von Zürich nach London billiger sei als eine Zugfahrt von Zürich nach Chur. Aber auch die Gemeinden und Tourismusunternehmen sollten ihren Betrieb hinsichtlich Nachhaltigkeit und Klimaschutz unter die Lupe nehmen. Für ihn sei allerdings klar, dass es in Graubünden mit seinen 150 Tälern nicht möglich sei, ganz auf das Auto zu verzichten. Generell setzt Schmid auf eine sich verändernde Nachfrage. Der nachhaltige und ökologische Tourismus nehme weltweit stark zu und biete neue Perspektiven für den klimafreundlichen Tourismus. (Die Frage des Moderators, wie sich ein nachhaltiger Ökotourismus mit Fliegen verbinden lasse, blieb offen).

Für Agrena Schuler ist klar, dass viel zu wenig geschieht in Richtung einer klimafreundlichen Mobilität. Das betreffe nicht nur den Tourismus, darum wende sich der Klimastreik mit seinen Protesten an alle, die wir das Klimaproblem mitverursachten. Sie zeigt sich davon überzeugt, dass die Menschen keinen Klimaschutz betreiben werden, solange es billiger und bequemer sei, einfach nichts zu tun. Da sei die Politik stark gefordert, die Weichen in Richtung Klimaschutz zu stellen.

***

Ein Fazit aus Sicht Klimaspuren zu den beiden Veranstaltungen in Laax und Chur könnte lauten, dass der Klimaschutz im Bündner Tourismus langsam ankommt. Dass man es in Graubünden damals verpasst hat, auf die asiatischen Fernmärkte zu setzen, erweist sich nun als Vorteil. Doch von einem klimafreundlichen Tourismus, geschweige von einem Netto-Null-Tourismus ist man dennoch meilenweit entfernt. Auf der Ebene der kantonalen Politik fehlt eine ehrgeizige Strategie, um dem Klimaschutz im Tourismus und darüber hinaus zum Durchbruch zu verhelfen. So werden die einzelnen Gemeinden und Betriebe allein gelassen; sie sind oft überfordert und wissen nicht, was sie für den Klimaschutz tun können und sollen. Der Kanton investiert nach wie vor zu viel Geld in die Strasse, ein Teil der Mittel aus dem Strassenfonds wären in Klimaschutzmassnahmen besser investiert als im Ausbau von immer breiteren und schnelleren Strassen. Auch die RhB und das Postauto profitieren von den Fördergeldern des Kantons; doch gerade der gut ausgebaute öffentliche Verkehr sollte deutlich mehr als bisher als grundlegender Trumpf für die Entwicklung eines klimafreundlichen Bündner Tourismus ausgespielt werden.

Treffen mit der Klimabewegung Graubünden zur Forderung einer klimaverträglichen Verkehrspolitik.


1 Comment

Hansruedi Hitz · 6. Juni 2021 at 01:57

Danke für diese hervorragende Zusammenfassung.

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