Von: Boris Previšić

Nach der Klosternacht in Fischingen auf den Zürcher Hausberg im hintersten Tösstal: aufs Hörnli. Hier mit Blick auf den Bauernhof meines Vaters, den ersten Biobetrieb der Gegend, stellt mir ein Klimaspurengänger die Frage, was das nun bedeute, wenn der atmosphärische CO2-Gehalt in diesem Jahr erstmals den Wert von 420 ppm (parts per million, also rund 0.42 Promille) überschritten hat. Die Antwort ist nicht kompliziert: Es ist fünf nach zwölf. Unserer Biosphäre ist ein solcher Wert völlig unbekannt. Im Laufe des Pleistozäns, der Erdepoche vor menschlicher Sesshaftigkeit, schwankte dieser Wert zwischen 180 und 300 ppm. So wechselten sich Eis- und Warmzeiten ab. Doch spätestens seit der Great Acceleration der 1950er Jahre katapultieren wir uns gerade aus der Warmzeit in die Heisszeit – mit einer Geschwindigkeit, die ihresgleichen in der Erdgeschichte sucht. Das Massenaussterben ist deshalb im vollen Gange. Die Atmosphärenwissenschaft sieht die planetare Grenze bei einem Wert von 350 ppm erreicht. Alles darüber lässt negativ gekoppelte Systeme positiv koppeln. Kipppunkte sind erreicht, die nicht mehr rückgängig werden können: Der Jetstream  beginnt zu schlenkern, Grönlands Festlandeis schmilzt ab, Tropenwälder entzünden sich von selbst. Darum reicht es – so die Argumentation im Buch – nicht, heute den Klimagasausstoss auf netto null zu reduzieren. Vielmehr müssen wir hochskaliert Kohlendioxid der Atmosphäre entziehen. Folgt man neuesten Studien, so handelt es sich um rund 1000 Gigatonnen und somit um den Eintrag seit 1987. Das Buch macht diese Dimensionen gerade auch für Studierende anschaulich und zeichnet auf der Basis der neuesten Klimaberichte Lösungen für die Dekarbonisierung und für die Kohlenstoffrückbindung insbesondere in der Landwirtschaft nach. Die Kapazitäten sind beschränkt. Darum müssen wir heute damit beginnen.

Boris Previšić: CO2. Fünf nach zwölf. Wie wir den Klimakollaps verhindern können. Mandelbaum: Wien 2020. 160 Seiten. 20.-. https://www.mandelbaum.at/buecher/boris-previsi/co2-fuenf-nach-zwoelf/

Boris Previšić auf dem Hörnli mit Klimaspuren.
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