In Solothurn trifft Klimaspuren im Restaurant Kreuz Peter Haberstich, Klima- und Finanzexperte der Greenpeace, und Henrik Nordborg, Professor für Physik und Vorstandsmitglied des Vereins Fossil Free. Sie erklären die Klimawirkung des Finanzplatzes und diskutieren Möglichkeiten, den Finanzplatz zum Umlenken zu bringen. Eine Zusammenfassung ihrer Erkenntnisse und Postulate.

Der Schweizer Finanzplatz ist der grösste Klimaschutz-Hebel der Schweiz. Er ist auch gleichzeitig der grösste Vermögensverwalter der Welt und verwaltet rund 25 Prozent des weltweiten grenzüberschreitend angelegten Vermögens. Die Investitionen, welche auf dem Schweizer Finanzmarkt getätigt werden, verursachen zwischen 10 und 20 Mal so viel CO2, wie die Schweiz im Inland ausstösst. Im Zeitraum von 2016 bis 2019 flossen 70 Milliarden Franken direkt in Produktion von fossilen Energien. Und der Finanzplatz ist mächtig: Er verwaltet rund einen Viertel der weltweiten Anlagevermögen. Pro Million Franken werden jährlich rund 160 Tonnen CO2 verursacht. Die globale Realwirtschaft ist damit auf Kurs zu einer Erderwärmung von 4 bis 6 Grad Celsius.

Um dem entgegenzuwirken ist eine totale Transformation notwendig. Wichtig hierzu ist Transparenz über die Emissionsintensität von Anlagen, also ein Reporting von den Treibhausgasemissionen über die gesamte Wertschöpfungskette. Ebenso notwendig sind grosse Investitionen in erneuerbare Energieinfrastrukturen, speziell in Entwicklungsländern. Dort gilt es zu verhindern, dass neu eine fossile Energieinfrastruktur aufgebaut wird, da solche Infrastrukturen jeweils für 20 bis 30 Jahre ausgelegt werden.

Eine mögliche Verhaltensänderung bei Finanzakteuren wird durch verschiedene Motivationen unterstützt. Auf der einen Seite ist das mit fossilen Geldanlagen verbundene zunehmende Risiko ein Grund für ein Umdenken, einhergehend mit Reputationsschäden. Auf der anderen Seite machen die Anlegerinnen selber zunehmend Druck auf ihre Vermögensverwalter (in der Schweiz werden 6’000 Milliarden Franken private Gelder verwaltet). Oft fehlt jedoch den Vermögensverwaltungen das Knowhow für eine nachhaltige Geldwirtschaft, was mit gezielten Weiterbildungen behoben werden müsste. Eine Möglichkeit für die Umstellung eines Fonds in Richtung Klimafreundlichkeit ist die jährliche CO2-Emissionsreduktion der Anlagen um 7% (so macht es die Zürcher Kantonalbank in ihrem Fonds). Dieses Geld wird stattdessen in Unternehmen mit klaren Zwischenzielen nach dem Pariser Klimaabkommen investiert. So kann der ökologische Fussabdruck des Finanzwesens schrittweise reduziert werden.

Es gibt sechs massgebende Akteure im Finanzwesen:

  • Pensionskassen verwalten rund 900 Milliarden Franken, dabei ist rund ein Sechstel in Immobilien investiert. Die Gelder der Pensionskassen sind stark reguliert um die Risiken zu minimieren, bewegen sich jedoch noch kaum Richtung Netto-Null. Es braucht deshalb Druck seitens der Versicherten.
  • Fonds-Anbieter wie zum Beispiel Blackrock verwalten rund 2’000 Milliarden Franken und bieten zunehmend “nachhaltige” Anlageprodukte an. Ein genaueres Hinsehen zeigt jedoch, dass diese Anlagen nicht so nachhaltig sind wie sie sich verkaufen.
  • Vermögensberater beraten Anlegerinnen oder verwalten Vermögen im Mandat. Sie haben oft kein Knowhow im Bereich des nachhaltigen Finanzwesens und bezüglich Möglichkeiten zur klimafreundlichen Ausrichtung von Fonds.
  • Investment Banking ermöglicht und organisiert die Finanzierung von Projekten und Infrastruktur. Insbesondere die Credit Suisse und die UBS investieren weiterhin massgeblich in Anlagen zur Förderung von fossilen Treib- und Brennstoffen. Hier besteht dringender Handlungsbedarf zum Desinvestment.
  • Das Kreditwesen wirkt ähnlich wie das Investment Banking und hat bezüglich Kreditvergabe einen Einfluss auf entstehende Anlagen. Hier könnten höhere gesetzliche Eigenkapitalvorschriften bei risikoreichen Krediten die Kreditvergabe in fossile Projekte reduzieren.
  • Versicherungen und Rückversicherungen bieten Unternehmen die Möglichkeit, abgesichert in risikoreichere und nicht-nachhaltige Infrastrukturprojekte zu investieren. Versicherungen haben hier die Handlungsmöglichkeit, dreckige Firmen oder Projekte nicht zu versichern und damit eine Investition unattraktiv zu machen.

Der Bundesrat bzw. das Finanzdepartement setzt auf eine freiwillige Selbstregulierung der Branche. Für einen wirksamen Klimaschutz ist es jedoch notwendig, dass der Schweizer Finanzplatz eine führende Rolle für nachhaltige Anlagen übernimmt. Das Bundesamt für Umwelt BAFU testet die Klimaverträglichkeit von Finanzanlagen mit dem PACTA-Klimaverträglichkeitstest. Im Ständerat hat Damian Müller 2019 ein Postulat eingereicht, welches den Bundesrat auffordert zu zeigen, wie die Schweiz ein wichtiges Ziel des Pariser Klimaabkommens, nämlich die Finanzmittelflüsse klimaverträglich auszurichten, erreichen kann; der Bundesrat soll entsprechende Massnahmen vorschlagen.

Auch Greenpeace setzt sich für ein nachhaltigeres Finanzwesen ein und weist dabei insbesondere auf die Rolle der Nationalbank hin, welche mit ihrer Investmentstrategie die aktuelle Ausrichtung der Realwirtschaft stützt und damit einen Umbau in Richtung nachhaltige Gesellschaft erschwert. Greenpeace sensibilisiert die Bevölkerung und Anlegerinnen zum Thema und baut gezielt Druck auf Banken, Regulatoren und Pensionskassen aus. Ebenso fordert Greenpeace eine bessere Regulierung des Finanzmarkts und ein Label, welches wirklich nachhaltige Anlagen zertifiziert (Ausrichtung an den Pariser Klimazielen) und damit die Transparenz von Investitionen verbessert. Aktuell führt Greenpeace eine Greenwashing-Kampagne durch. Eine neue Studie zeigt auf, dass nachhaltige Anlagen nicht nachhaltiger sind als konventionelle Anlagen.

Zum Schluss noch die Dringlichkeit, den Hebel wirksam anzusetzen: Der CO2-Gehalt in der Luft nimmt stetig und immer schneller zu. So lag im Jahr 1958 die CO2-Konzentration in der Atmosphäre bei 315 ppm. Heute liegt sie bei 420 ppm und steigt jährlich um rund 2.4 ppm an. Rechnet man mit den aktuellen Emissionen, so stossen wir bis ins Jahr 2030 noch 510 Gigatonnen CO2 aus und erreichen dann 450 ppm, was von vielen Wissenschaftlerinnen als Obergrenze angesehen wird, um Kipppunkte möglichst noch zu vermeiden. Doch bisher hat kein einziges Land weltweit eine vernünftige Klimastrategie mit umsetzbaren Lösungsansätzen definiert. Kurz – es ist dringend nötig, den Finanzplatz zur Rechenschaft zu ziehen.


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